Zauber

Was macht den Zauber des Reisens aus? Vielleicht ist es die Tatsache, das letztendlich nichts planbar ist. Wir wissen nicht, was uns erwartet, wir haben lediglich eine ungefähre Vorstellung dessen, was auf uns zukommt, während wir uns Meile für Meile, Kilometer für Kilometer dem Unbekannten nähren, aber eigentlich sind wir vollkommen arglos. Unwissende. Und stellen nur allzu oft fest, dass alles ganz anders ist als erwartet. Wir nehmen unsere Klischeevorstellungen mit an Bord. Theorie, alles pure Theorie. Oder von Anderen Erlebtes- oder auch Angelesenes. Wir beschäftigen uns mit Fakten, wir wissen, wie viele Einwohner Stadt xy hat, wie hoch die Analphabetenquote des Dritte-Welt-Landes ist, aber das alles sagt nichts aus. Nichts über die Menschen, nichts über den Ort. Nichts über das Gefühl, was uns erfasst, wenn wir zum ersten Mal die fremde Luft einatmen. Die Geräusche wahr nehmen. Das sprachliche Durcheinander, das wir nicht verstehen. Wenn wir mehr wollen, als einen Touchdown, dann tauchen wir ein. Auch wenn es nur zwei Tage in der Fremde sind. Wir laufen durch Straßen und Gassen und finden besondere Plätze, begegnen Menschen, deren Worte wir nicht verstehen, die uns jedoch nahe sind, weil die Sprache, das Gesagte nur eine Möglichkeit von vielen ist, sich auszudrücken. Plötzlich kann ein kurzer Augenblick tief in unsere Seele eindringen, einen Punkt berühren, der nach ewigem Schlummern erweckt wird.

Ich erlebte das z.B. in Moskau. Eigentlich war ich für eine klassische Hotelreportage vor Ort. Die Eröffnung des Ritz Carlton, mitten in der City, unweit des Roten Platzes und des Kremls. Von den Dächern des Luxusetablissements lag mir die Stadt zu Füßen. Ein Sommertag. 30 Grad, flirrende Hitze, gleißendes Sonnenlicht. Um vor der Glut des Tages zu flüchten, stieg ich hinab in die Tiefe. In die pompösen U-Bahn-Schächte und endlosen Gänge der Moskauer Unterwelt. Aus allen Ecken klang Musik. Klassische Klänge, vielstimmige Choräle. Ein altes Mütterlein stand vor mir, mit einem kleinen, mickrigen Strauß getrockneter Blumen, die sie vielleicht vor den Toren der Stadt gesammelt hatte und lächelte mich zahnlos an. Für ein paar Rubel wechselte das Gebinde seinen Besitzer. Dankbar schaute mir die Frau lange in die Augen. Es war einer dieser perfekte Augen-Blicke. Er hat meine russische Seele zum Klingen gebracht.

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